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Joe Guerico Interview (2011)

 

http://www.joeguercio.com/
 

Elvis` Maestro

Eigentlich konnte er nichts mit der Musik von Elvis anfangen. Doch dann wurde er sein musikalischer Direktor und begleitete ihn für viele Jahre. Nun kehrt Joe Guercio mit seinem Orchester, der alten Band und Elvis auf die Bühne zurück, am 22. Februar auch nach Zürich. Wir haben ihn in Nashville getroffen

Es ist eisig kalt in Nashville (USA) an diesem Januarmorgen, der erste Tag in diesem Winter, an dem es im Haus von Joe Guercio nicht richtig warm werden will. Vielleicht hat sich Mrs Kitty, die Katze, deshalb verkrochen. «Ich wette, die liegt oben in Bett», sagt er, als er uns in sein Büro führt. Die Wände sind voller Erinnerungen: Joe Guercio mit Papst Johannes Paul II. («Mein Freund B. B. King und ich hatten eine Privataudienz»), Joe Guercio mit George W. Bush («Ich mochte ihn, ein guter Präsident»). Und immer wieder Joe Guercio mit Elvis. Mal überreicht ihm der King eine Golduhr, mal nimmt er Guercio zum Spass in den Würgegriff . «Jedes Foto hat eine Geschichte», sagt er. Dann beginnt er zu erzählen.

Wie war das damals? Kamen Sie zu Elvis, weil Sie seine Musik mochten?

Überhaupt nicht! Ich war nicht Elvis-Fan, nicht im Geringsten. Meine musikalische Welt war eine völlig andere, eine akustische Welt, mit Pianos, Streichinstrumenten. Alles, was ich von ihm gehört hatte, war «Hound Dog» und solches Zeug. Mir war damals nicht klar, welches Gesangstalent in ihm steckte.

 Rief er Sie an?

Nein, der Assistent von Elvis’ Manager Colonel Parker. Ich war damals musikalischer Direktor des International Hotel in Las Vegas, in dem Elvis bereits aufgetreten war. Ich flog rüber nach Los Angeles zu Parker. Mir war gesagt worden, wir würden uns zum Lunch treffen. Parker erwartete mich in einem Bungalow auf dem MGM-Filmgelände. Es gab billigste Poulet-Sandwiches aus dem Kühlschrank und Mineralwasser. Das war der Lunch. Als ich zurückflog, hatte ich den Job als Orchester-Dirigent. Das war im Februar 1970.

Erinnern Sie sich an die erste Probe?

Und wie. Jemand kam zu mir und übergab mir einen Haufen Papier mit den Songs. Ich sagte: «Ich bin Dirigent, nicht Bibliothekar – sortiert das erst mal aus!» Irgendwann fingen wir mit den Proben an, Elvis übte in einem anderen Raum. Ich sehe noch genau vor mir, wie er von der Seite reinkommt. Ich war überwältigt. Sein Charisma elektrisierte alle.

Gab er Ihnen die Hand, sprach er mit Ihnen?

Später. Nach der Probe kam seine rechte Hand, Joe Esposito, zu mir und fragte: «Willst du Elvis treffen?» «Klar», sagte ich, «das wäre nett.» Als er kam, begrüsste er mich mit einem lauten «Hi, Maestro!» Wir verstanden uns auf Anhieb. Von da an war ich für ihn nur noch sein Maestro. Und ich kapierte schnell, warum andere ein Problem damit hatten, für ihn ein Orchester zu leiten.

Warum denn?

Dazu gibt es eine hübsche Geschichte. Dazu gibt es eine hübsche Geschichte. Nach einer der ersten Shows fragte mich jemand, wie es sei, mit Elvis auf der Bühne zu stehen. Ich antwortete: «Versuch du mal eine Murmel einzufangen, die eine Steintreppe runterkullert!» So war er: Eine Murmel, die die Treppe runterrollte. Als ich am nächsten Tag meinen Garderobenschrank öffnete, lagen darin überall Murmeln. Murmeln auf dem Boden, die ganzen Kleidertaschen waren voll davon. Auf dem Spiegel stand geschrieben: «Folge der Murmel – E. P.» Typisch Elvis.

Joe Guercios Handy dudelt. «Trouble», ein Elvis-Song aus dem Jahre 1958. Mit tiefer Stimme beginnt der Maestro zu singen: «If you’re look­ing for trouble, you came to the right place» – dabei zeigt er auf mich und prustet dann laut los. Er mag die 70 längst hinter sich gelassen haben (über sein genaues Alter schweigt er sich aus), seine Barthaare mögen grau geworden sein – ein Energiebündel ist er immer noch. Nur das Klavierspielen, das ihm sein sizilianischer Vater beigebracht hat, bereitet ihm in letzter Zeit Mühe – «Arthritis», sagt er und zeigt seine gekrümmten Finger.

Joe, jedes Konzert begann mit dem Orchesterstück «Also sprach Zarathustra» von Richard Strauss, das Stanley Kubrick für seinen Film «2001: A Space Odyssey» adaptiert hatte. War das Zara­thustra-Thema Ihre Idee?

 Hm. Das denken alle, dass das meine Idee war. Aber das war nicht so.

Wessen Idee war es dann?

Wir waren mit dem Orchester in Vegas am Proben, in zwei Tagen sollte Elvis kommen. Ich schlug meiner Frau vor, abends essen zu gehen und uns dann «Space Odyssey» anzuschauen – ich hatte den Film noch nicht gesehen. Also gingen wir ins Kino. Als dann mitten im Film diese Melodie anhob, – taam, taam, tatamm – flüsterte meine Frau mir zu: «Man hat das Gefühl, Elvis müsste gleich vor uns stehen.» Ich blickte zur Seite und dachte: «Jesus, welch grossartige Idee!» Am nächsten Tag schrieben wir die Arrangements – das wars! Das muss 1971 gewesen sein.

 Zwei Jahre später, bei Elvis’ berühmten Konzert «Aloha from Hawaii» ging die Idee um die Welt.

Mein Gott, war das eine aufregende Nacht! Das erste Konzert, das weltweit live übertragen wurde. Weltweit! Er war in Topform. Wissen Sie, was das Unglaublichste war?

Was?

Das Cape, das er zu seinem Bühnenanzug hatte machen lassen. Es war unglaublich schwer. Ja, Hawaii war einer der Höhepunkte. Wie sein erster Auftritt in der Südstaaten-Metropole Atlanta – einfach umwerfend. Wir spielten die Südstaaten-Hymne «American Trilogy». Als Elvis die erste Zeile sang – «Oh I wish I was in the land of cotton» («Ich wünschte ich wäre im Land der Baumwolle») – begannen die Leute zu schreien, und sie hörten mit Schreien nicht mehr auf.

Was war es, was die Leute an Elvis begeisterte? Was war das Besondere?

Es war diese Energie, die von ihm ausging. Er holte alle, auch die allerletzte Reihe in einer Halle mit 18 000 Plätzen. Elvis war nicht einfach eine Show, das war ein Happening. Und er hatte für alle von uns auf der Bühne diesen Respekt. Er gab dir ein unglaublich gutes Gefühl, wenn er sich umdrehte und dich anschaute. And you know, er war der Süden.

 Wie meinen Sie das?

Er sagte zu meiner Frau: «Yes M’am, no M’am». Freundlichkeit. Höflichkeit. Manieren. Respekt. Das ist der Süden, das war Elvis. Ich lebe jetzt hier. Die Leute sind cool, wirklich cool.

Hatte er Lieblingssongs?

Klar. (Überlegt eine Weile) «Hurt». «What Now My Love». «It’s Now or Never». Oh, er war ein grossartiger Sänger.

Und Ihre Lieblingssongs?

«Bridge Over Troubled Water», «American Trilogy», «Steamroller Blues». Schade hat er «Don’t Let the Sun Go Down on Me» nie gesungen.Von Elvis’ Tod erfuhr Joe Guercio, als er sich an diesem 16. August 1977 in Las Vegas eine Smoking-Fliege kaufen wollte. «Traurig, das mit Elvis», sagte die Verkäuferin zu ihm. Guercio hatte keine Ahnung, dass man den 42-jährigen Superstar in Graceland tot aufgefunden hatte. Tags darauf flog er zur Beerdigung nach Memphis. «Elvis musste sterben», sagt Joe Guercio heute. «Genauso wie Marilyn, genauso wie James Dean.» Weil es Menschen gibt, von denen man sich einfach nicht vorstellen könne, dass sie alt werden.

 Joe, bald gehen Sie mit dem Orchester wieder auf Tournee, mit der Show «Elvis in Concert». Fast in der damaligen Besetzung – nur wird der King auf einer Leinwand zu sehen sein. Manche sagen, das sei Leichenfledderei.

Oh, Mann, diese Leute haben keine Ahnung! Elvis wird von den Fans getragen. Ich selbst hätte ja nie geglaubt, dass er mich so lange begleiten würde. Als wir 1997 das erste Mal mit dem Orchester in England auftraten, waren vielleicht zehn Prozent des Publikums unter 35 Jahren. Heute sind es 40 bis 50 Prozent! Wissen Sie, sein Tod war, sehr, sehr (Pause) … Es war ein Schock. Aber als wir 20 Jahre nach seinem Tod zum ersten Mal wieder mit dem Orchester auftraten, hatten alle das Gefühl, er sei erst ges­tern von der Bühne gegangen. Bei allen von uns kehrte das Lächeln zurück. Die Leute werden überrascht sein, welche Energie in dieser Show noch drinsteckt.

Mag sein, es gibt aber auch die Energie der Vermarktung.

Ich schwöre, es ist die Energie von Elvis! It smokes man, it really smokes!